Ein Neuanfang beginnt nicht morgen. Er beginnt in dem Moment, in dem du aufhörst, gestern automatisch weiterzuleben.
- Amina Welt

- 16. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Kurz-Zusammenfassung: Die zweite Staffel von Welt hört zu ist vorbei. Alle Folgen sind online – und während ein Kapitel endet, beschäftigt mich eine viel größere Frage: Was passiert eigentlich in dem Moment, in dem wir aufhören, auf den „richtigen Zeitpunkt“ zu warten? Über 22 Jahre mit Bulimie, Sucht und Alkohol haben mich eines gelehrt: Veränderung beginnt oft nicht mit einer großen Entscheidung, sondern mit einem winzigen Moment, in dem wir nicht mehr automatisch weitermachen.
Lesezeit: ca. 7 Minuten Autorin: Amina Welt
Liebe,
gestern, morgen, irgendwann.
Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, unser Leben in diese drei Zeitformen zu sortieren.
Gestern war das, was passiert ist.
Morgen ist das, was irgendwann passieren soll.
Und heute?
Heute ist meistens das, was irgendwie dazwischen passiert.
Ich musste in den letzten Tagen viel darüber nachdenken.
Denn gerade ist die zweite Staffel von „Welt hört zu“ zu Ende gegangen.
Eine ganze Staffel voller Gespräche, Begegnungen, Geschichten, Gedanken.
Und jetzt ist plötzlich dieser Moment da, den ich eigentlich sehr mag:
Der Moment danach.
Wenn etwas abgeschlossen ist und noch nicht feststeht, was als Nächstes kommt. Und die Energie von Neuanfang in der Luft liegt.
Kein fertiger Plan. Eine Art Release, ob im Körper, in der Musik - unser Leben besteht aus Wellen von Aufbau udn Release.
Keine nächste Staffel, die schon auf Knopfdruck startet.
Ein kleines Niemandsland.
Und vielleicht liebe ich genau das inzwischen so sehr.
Ich kenne dieses Niemandsland
Ich habe sehr lange geglaubt, Veränderung müsse sich groß anfühlen.
Wenn ich mein Leben verändere, muss es einen Punkt geben, an dem ich sage:
So. Ab heute ist alles anders.
Vielleicht kennst du das.
Montag.
Neues Jahr.
Geburtstag.
Nach einer Trennung.
Nach einem Streit.
Nach einem Tiefpunkt.
Nach einem Erfolg.
Wir lieben diese großen Übergänge.
Weil sie uns das Gefühl geben, dass wir ab jetzt jemand anderes sein können. Und weil der Release,d iese Leere danach, sich auch wie entladen anfühlt.
Aber meine eigene Erfahrung war viel unspektakulärer.
Ich habe 22 Jahre mit Bulimie gelebt.
Dazu kamen Drogen und Alkohol.
Und wenn du mir damals gesagt hättest, dass sich mein Leben irgendwann komplett anders anfühlen würde, hätte ich vermutlich wissen wollen:
Okay. Aber WIE?
Was ist der eine große Schritt?
Was muss ich endlich verstehen?
Welche Version von mir muss ich werden?
Heute würde ich die Frage anders beantworten.
Vielleicht ist Veränderung viel kleiner, als wir denken.
Ich habe irgendwann einen Moment entdeckt, der mir wichtiger geworden ist als jede große Entscheidung.
Den Moment davor.
Vor dem Handeln.
Vor dem Antworten.
Vor dem Reagieren.
Vor dem alten Muster.
Bei mir begann das während der Pandemie.
Ich wollte etwas tun, was ich unzählige Male zuvor getan hatte.
Ich hatte meinen Wallet in der Hand.
Ich wusste, wohin ich gehen würde.
Ich wusste, was ich kaufen würde.
Ich wusste, wie die Geschichte weitergeht.
Und dann habe ich meinen Geldbeutel auf den Tisch gelegt.
Und gefragt:
Willst du das wirklich?
Nicht:
Du darfst das nicht.
Nicht:
Was stimmt nicht mit dir?
Nicht:
Du musst jetzt stark sein.
Nur:
Willst du das wirklich?
Es war eine lächerlich kleine Unterbrechung.
Aber plötzlich war zwischen dem Impuls und meiner Handlung ein Raum.
Und in diesem Raum konnte ich mich selbst wieder hören.
Das hat mein ganzes Verständnis von Veränderung verändert.
Denn ich musste nicht plötzlich eine vollkommen neue Amina werden.
Ich musste lernen, nicht jeden alten Impuls automatisch in eine Handlung zu verwandeln.
Das klingt banal.
Ist es aber nicht.
Wir verbringen unglaublich viel Zeit damit, auf Autopilot zu funktionieren.
Wir antworten, weil wir immer antworten.
Wir sagen Ja, weil wir immer Ja sagen.
Wir entschuldigen uns, obwohl wir eigentlich nichts getan haben.
Wir greifen zum Handy.
Wir essen.
Wir trinken.
Wir arbeiten.
Wir laufen weg.
Wir bleiben.
Wir erklären uns.
Wir versuchen, jemandem zu gefallen.
Und irgendwann merken wir:
Ich habe gar nicht entschieden. Ich habe nur wiederholt.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einem Leben, das wir bewusst gestalten, und einem Leben, das einfach passiert.
Und genau deshalb liebe ich Neuanfänge inzwischen.
Nicht, weil ich glaube, dass ein neuer Tag automatisch alles besser macht.
Sondern weil jeder neue Tag mir eine kleine Möglichkeit gibt:
Nicht alles von gestern automatisch mitzunehmen.
Nicht meine Geschichte zu verleugnen.
Nicht so zu tun, als wäre nichts passiert.
Sondern zu entscheiden:
Was davon nehme ich mit?
Und:
Was davon darf hier enden?
Das ist für mich heute Freiheit.
Nicht alles kontrollieren zu können.
Sondern nicht mehr alles kontrollieren zu müssen.
Staffel-Finale. Ende & Neuanfang
Und vielleicht passt genau deshalb das Ende von Welt hört zu gerade so gut zu dem, was mich momentan beschäftigt.
Du kannst die gesamte Staffel nachhören und anschauen – die Gespräche, die Begegnungen, die Geschichten.
Aber für mich fühlt sich das Ende der Staffel nicht wirklich wie ein Ende an.
Eher wie dieser Moment zwischen zwei Kapiteln.
Und ich merke:
Ich will nicht sofort wieder wissen müssen, was als Nächstes kommt.
Ich darf kurz hier sein.
In diesem Zwischenraum.
In diesem kleinen Niemandsland.
Denn vielleicht ist genau dort etwas möglich.
Der Moment, in dem noch nicht alles festgelegt ist.
Das ist auch der Gedanke hinter meinem nächsten größeren Projekt.
Ich arbeite gerade an einem filmischen Projekt rund um genau diesen Moment.
Den Moment zwischen einem alten Muster und einer neuen Entscheidung.
Den Moment, in dem noch alles offen ist.
Und ja – daraus ist auch etwas sehr Alltägliches entstanden.
Eine Tasse.
Eigentlich absurd.
Nach all den großen Dingen, die ich erlebt habe, ist ausgerechnet eine Tasse zu einem kleinen Symbol für mich geworden.
Aber vielleicht ist genau das die Wahrheit über Veränderung:
Sie sieht von außen oft überhaupt nicht spektakulär aus.
Eine Tasse.
Ein Atemzug.
Ein Geldbeutel auf einem Tisch.
Eine Nachricht, die du nicht sofort beantwortest.
Ein Nein.
Ein Ja.
Eine Tür, die du diesmal nicht öffnest.
Oder eine, durch die du endlich gehst.
Vielleicht musst du dein Leben gar nicht komplett verändern.
Vielleicht musst du nur anfangen, bei den kleinen Momenten anwesend zu sein.
Das ist kein Versprechen, dass alles leicht wird.
Es ist auch keine Morgenroutine, die dein Leben in fünf Tagen transformiert.
Und schon gar kein „Hack“.
Ich glaube nicht an diese Version von Veränderung.
Ich glaube an Wiederholung.
An Aufmerksamkeit.
An Entscheidungen.
An Fehler.
An Lernen.
Und daran, dass ein Mensch gleichzeitig seine Vergangenheit tragen und trotzdem etwas Neues wählen kann.
Also: Was passiert nach dem Staffelfinale?
Für mich?
Ich weiß es noch nicht ganz.
Und zum ersten Mal finde ich das nicht beunruhigend.
Ich habe lange genug versucht, die nächste Version meines Lebens schon vorher zu kennen.
Heute möchte ich lieber dabei sein, wenn sie entsteht.
Vielleicht ist das nächste Kapitel nicht etwas, das wir finden.
Vielleicht ist es etwas, das wir schreiben, während wir es leben.
Und vielleicht beginnt es nicht morgen.
Sondern in diesem winzigen Moment.
Jetzt.
Und wenn du gerade selbst zwischen zwei Kapiteln stehst:
Vielleicht musst du noch gar nicht wissen, wie das nächste aussieht.
Vielleicht reicht für heute:
Pause.
Schau hin.
Und entscheide, was du mitnehmen möchtest.
Bis bald,
Amina, deine Welt.
Über die Autorin
Amina Welt ist Sängerin, Tänzerin, Host und Storytellerin aus Wien. In ihrer Arbeit verbindet sie Musik, Bewegung, persönliche Geschichten und die Frage, wie wir unser Leben selbstbestimmter gestalten können. Als ehemalige ORF-Confetti-News-Moderatorin und heutige Musical-Performerin und Singer-Songwriterin bewegt sie sich bewusst zwischen Bühne, Kamera und ihrem eigenen kreativen Weg.
Mit „Welt hört zu“ schafft sie Raum für ehrliche Gespräche über Menschen, Erfahrungen und die vielen Wahrheiten, die gleichzeitig existieren können.
Die zweite Staffel ist jetzt vollständig online und verbreitet eine Heaven on Earth Energy.




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